In zwei Welten zu Hause
Diese Reportage erschien im Magazin «Kirchen Geschichten» der katholischen Kirche Kriens. Autorin: Barbara Inglin, Seelsorgerin.
Der Krienser Thomas Brun erzählt gerne und viel – nur wenn es um seine kognitive Beeinträchtigung geht, meint er kurz und knapp: «Das ist kein Thema.» Nicht, weil er nicht darüber sprechen wollte. Aber weil er sich durch seine Beeinträchtigung nicht beeinträchtigt fühlt, die Behinderung ihn nicht behindert. Brun, das wird im Gespräch deutlich, unterscheidet nicht zwischen den verschiedenen Welten. Ganz selbstverständlich bringt er sich in Behindertenorganisationen wie auch in «normalen» Gruppen ein. Und ist da und dort voll dabei.
Fussballfan und Fasnächtler
Als grosser Fan des FC Luzern ist er zum Beispiel Mitbegründer des noch relativ jungen Fanclubs «Leuchtenstadt». Man trifft sich vor und nach den Spielen, reist gemeinsam zu Auswärtspartien und beteiligt sich an der Fanparade vor Matchbeginn. Seine Behinderung? «Kein Thema.» Auch wenn er als Gönner von Guuggenmusigen, den Krienser Loschtmölch und den Luzerner Paulusschränzern, zu gesellschaftlichen Anlässen eingeladen ist, fühlt sich Brun völlig integriert. Brun, wie auch seine Partnerin Sandra Baumgartner, gehören beim Gönneressen oder beim gemeinsamen Fondue-Abend ganz einfach dazu. Ebenso zugehörig und engagiert sind Thomas Brun und seine Partnerin in verschiedenen Behindertenorganisationen. So buchen sie Gruppen-Ferienreisen über Procap, den Mitgliederverband von und für Menschen mit Behinderung. Jährlich nimmt Brun am SAC-Bergsportlager des Verbandes teil.
Schwimmer und Läufer
Für die Behindertensportgruppe Horw hat Brun schon manchen Podestplatz erkämpft, zuletzt diesen Sommer als Sieger im Schwimmen über 50 Meter Freistil. Der 55-Jährige startete Ende Oktober zudem zum wiederholten Mal am 10-Kilometer-Lauf des Lucerne Marathon. Unterstützung erhielt er dabei vom Verband PluSport, der sich für die Integration behinderter Menschen bei Sportveranstaltungen einsetzt. Dass Brun seine Inklusion so selbstverständlich lebt, hat vielleicht auch mit seiner Geschichte zu tun. Seine Beeinträchtigung ist nicht angeboren, sondern durch einen Vorfall als junger Erwachsener bedingt. Offen und frei erzählt er von seinem Werdegang und von der schwierigen Situation, in die er vor 29 Jahren geraten ist.
Kein Ausweg mehr
Brun wächst in Kriens auf. Nach der obligatorischen Schulzeit macht er eine Lehre als Logistiker. Anschliessend arbeitet er zwei Jahre lang für eine Firma mit Tiefkühlprodukten. Die frostige Arbeit im Kühlraum, bei minus 25 Grad, macht ihm nichts aus. Doch nach einem Chefwechsel kommt es zu Unstimmigkeiten, Brun erhält die Kündigung. Er findet immer wieder Arbeit, doch die Situation wird zunehmend schwieriger. Auch an einer seiner neuen Stellen kommt es zu Konflikten. Hinzu kommen private Probleme. Brun vertraut den falschen Leuten. Er leiht ihnen Geld, das er nie mehr wiedersieht. Plötzlich steht er vor einem Schuldenberg. Hinzu kommen psychische Probleme. Die Trauer über den frühen Tod der Mutter, Liebeskummer und eine schwere Depression führen dazu, dass Brun keinen Ausweg mehr sieht. Er will sich das Leben nehmen und mit einem Schuss in den Kopf alles beenden.
Getragen und gerettet
«Ich bin zwar kein grosser Kirchgänger, aber ich glaube, dass eine höhere Macht wollte, dass ich weiterlebe», sagt Brun rückblickend. «Meine Mutter war mein Schutzengel. Sie hat mich vom Himmel aus beschützt.» Brun erleidet schwere Hirnverletzungen. Erst nach über drei Monaten im Spital und sechs Eingriffen findet er langsam wieder zurück ins Leben. Seither leidet er unter einer kognitiven Beeinträchtigung. «Ich brauche mehr Zeit für alles, werde schneller müde und bin eher überfordert, wenn ich zwei Dinge gleichzeitig machen soll», erklärt Brun. Er wohnt nach dem tragischen Vorfall vorerst in einer betreuten Wohngemeinschaft. Dort lernt er seine damalige Partnerin kennen. Die beiden werden Eltern. Mit dem gemeinsamen, nunmehr 24-jährigen Sohn unternimmt er heute noch viel.
Leben gelingt wieder
Nach rund einem Jahr schafft Brun den Wiedereinstieg ins Berufsleben. Er erhält eine Anstellung bei der Stiftung Brändi, welche geschützte Arbeitsplätze anbietet. Zuerst arbeitet er in Willisau, schon bald wechselt er nach Kriens. Hier kann er in seinem ursprünglichen Beruf als Lagerist und Logistiker in einem 80-Prozent-Pensum arbeiten. Wo nötig, erhält er mehr Zeit und zusätzliche Unterstützung bei seinen Aufgaben. Thomas Brun wohnt gemeinsam mit seiner jetzigen Partnerin Sandra Baumgartner in einer eigenen Wohnung in Kriens. Ein Beistand hilft ihm bei administrativen Belangen. Alle zwei Wochen unterstützt ihn die Spitex bei den Hausarbeiten. Ansonsten meistert Thomas Brun sein Leben selbständig – voller Elan, mit Beeinträchtigung, aber nicht beeinträchtigt.