Tierische Unterstützung
Schmutzige Hände sind ihm das Schlimmste. Er vermeidet deshalb alles, was potenziell dazu führen könnte. Doch dann sind da plötzlich Lamas. Kuschlige Lamas, die ihn treuselig anschauen und gestriegelt werden müssen. Also greift er zur Bürste und beginnt, den Tieren den Dreck aus dem Fell zu arbeiten. Ganz selbstverständlich. «Solche Momente sind es, die mich begeistern», sagt Simone Röllin, die den Lamatag seit drei Jahren einmal jährlich organisiert. «Was Überraschendes passiert, wenn Tiere da sind»: Wenn Menschen, die sich sonst kaum bücken können, plötzlich Löwenzahn für Schildkröten am Wegrand pflücken. Wenn Menschen, die nie Lust haben, in der Küche zu helfen, sich darum streiten, wer Karotten für die Lamas rüsten darf. Oder wenn Personen, die sonst kaum etwas erzählen, den ganzen Morgen von den Abenteuern einer Katze berichten. «Schnurrli» heisst die Katze hier, auf der Wohngruppe im Wohnen Stöckli 5 in Emmen – und die Schildkröten, die gefüttert werden müssen, wohnen wenige Gehminuten entfernt bei der SSBL Rathausen. Mit diesen Tieren haben die Klient:innen hier zu tun, und eben auch Röllin, die seit 14 Jahren als Sozialpädagogin bei Brändi angestellt ist.
Kommunizieren und Kuscheln
Die Forschung zeigt, dass tiergestützte Interventionen bei Menschen mit Beeinträchtigung viele positive Auswirkungen haben können. So können Berührungsängste, Isolation und Stress reduziert werden. Müssen die Tiere geführt und gepflegt werden, können zudem Motorik und Mobilität profitieren. Röllin erlebt diese Effekte direkt. «Die Menschen werden aus der Reserve gelockt.» Oft geben Tiere Menschen einen Grund, morgens die Schuhe anzuziehen und rauszugehen. Und sie schaffen Aufgaben. Näpfe müssen gewaschen,Futter vorbereitet, Tiere müssen versorgt werden. Tätigkeiten, die manche hier in ihrem Alltag kaum übernehmen müssen – weder für sich noch für andere.
Auf dem Tisch vor Simone Röllin liegen ein dicker Ordner und ein rund 500 Seiten starkes Fachbuch. Nur ein Teil ihrer Ausbildungsliteratur. Mit tiergestützter Arbeit beschäftigt sie sich seit Jahren. Die 43-Jährige kann sich ein Leben ohne Tiere nicht vorstellen. Zuhause lebt sie mit Hühnern, Ziegen und zwei Eseln. Spaziergänge mit diesen hat sie bereits für eine Klientin organisiert. Während ihrer Ausbildung zur Fachkraft für tiergestützte Interventionen machte sie die Erfahrung, dass sich dafür längst nicht nur Hunde und Pferde eignen. Bei einem Praktikum arbeitete sie etwa mit Hühnern – und war überrascht, wie gut das funktionierte. Besonders geblieben ist ihr auch eine Gruppe von Kindern mit starken Spastiken. Vor der Physiotherapie durften sie jeweils mit Schafen kuscheln. Dadurch seien sie deutlich entspannter geworden und die Therapie damit einfacher. Gerade Körperkontakt nennt Röllin als wesentlichen Aspekt in der Arbeit mit Tieren. Bei älteren Klient:innen seien die Eltern häufig bereits verstorben. Beistände, Betreuungspersonen oder Seelsorgende seien zwar da, doch für körperliche Nähe gebe es im professionellen Verhältnis klare Grenzen. «Zärtlichkeit und Kuscheln gibt es bei manchen deshalb in ihrem Leben überhaupt nicht.» Mit einem Tier jedoch sei diese Form von Nähe möglich.
Aufwand und Nachfrage
Doch tiergestützte Arbeit ist nicht nur zeit-, sondern auch kostenintensiv. Selbst bei vermeintlich unkomplizierten Haustieren müssen Institutionen klären: Wer trägt die Verantwortung? Wer kümmert sich um Futter, Hygiene und Tierarztbesuche? Wer ist die Bezugsperson? Braucht es dafür eine eigene Stelle? «Es ist halt ein Tier und keine Yogamatte. Man kann Tiere nicht einfach in die Ecke stellen – oder ausleihen.» Für tiergestützte Interventionen brauche es Fachleute und ein hohes Bewusstsein für die Bedürfnisse der Tiere. Gleichzeitig ist die Nachfrage gross. Das zeigt sich etwa bei der SSBL, wo es keine weiteren Kapazitäten für Besuche von aussen gibt. Nicht jedes Tier lässt sich zudem einfach an einen anderen Ort bringen – und nicht alle Menschen mit Beeinträchtigung sind mobil genug für einen Besuch auf einem Bauernhof. Hinzu kommen Risiken: Tiere tragen Schmutz hinein, können Allergien auslösen, können auch mal kratzen, beissen oder treten. Aktuell, sagt Röllin, entstehe tiergestützte Arbeit deshalb häufig aus persönlicher Überzeugung. Vieles werde privat organisiert, über persönliche Kontakte und eigene Recherche ermöglicht. Ihre Vision ist eine Koordinationsstelle, die für alle Standorte von Brändi und unterschiedliche Bedürfnisse tiergestützte Interventionen organisiert – mit klaren Richtlinien, Fachwissen und verlässlichen Strukturen. «Ich bin überzeugt, es würde sich lohnen», sagt Röllin. «Ich spüre jedes Mal, wie viel es den Leuten gibt.»