Magazin Klar Arbeiten

Mitentscheiden, mitgestalten, mitreden

Inklusion bedeutet mehr als Teilhabe – sie bedeutet Mitbestimmung. Der Betriebsrat bei Brändi gibt den Mitarbeitenden eine Stimme und trägt dazu bei, den Arbeitsalltag gemeinsam weiterzuentwickeln.

Nur wenigen Menschen fällt es leicht, mit Kritik oder Wünschen an ihre Vorgesetzten heranzutreten. Noch grösser kann diese Hemmschwelle sein, wenn durch eine Beeinträchtigung zusätzliche persönliche oder strukturelle Hürden bestehen. Auch deshalb hat Brändi sich dafür entschieden, in allen Produktionsunternehmen einen Betriebsrat aufzubauen – freiwillig, denn in der Schweiz ist ein solcher nicht gesetzlich vorgeschrieben. Im Betriebsrat vertreten gewählte Mitarbeitende die Interessen ihrer Kolleg:innen gegenüber ihrem Unternehmen. Sie achten darauf, dass Rechte eingehalten werden, bringen Anliegen ein und stehen im regelmässigen Austausch mit der Unternehmensleitung. Pro Abteilung wird dabei mindestens eine Person gewählt, daraus wiederum je ein Präsidium pro Betrieb.

 

Teil davon ist Marco Guarino. Seit über 20 Jahren arbeitet der 37-Jährige bei Brändi und ist nach interner Ausbildung heute in der Schreinerei-Abteilung Kriens tätig. Kürzlich wurde er dort zum zweiten Mal in den Betriebsrat gewählt – und auch schon zum Präsidenten des Standorts. Für Guarino ist die Aufgabe mehr als ein Amt: «Es ist sehr wertvoll, die Anliegen meiner Kolleg:innen vertreten zu dürfen.» Gleichzeitig sei der Austausch mit anderen Abteilungen, Standorten und der Unternehmensleitung eine persönliche Horizonterweiterung. Genau das entspricht auch dem Ziel von Brändi: Mitsprache und Mitbestimmung im Sinne der Inklusion aktiv zu fördern. 

Es ist sehr wertvoll, die Anliegen meiner Kolleg:innen vertreten zu dürfen.
Marco Guarino

Aktuell beschäftigt Guarino im Betriebsrat besonders das Thema Inklusion. Dabei wird diskutiert, wie mehr Teilhabe gelingen kann – ohne Herabstufungen. «Im Kern geht es darum, sich in andere Menschen hineinzuversetzen», sagt Guarino. «Menschen mit Beeinträchtigung werden oft an den Rand gestellt, weil man ihnen bestimmte Leistungen nicht zutraut. Da braucht es mehr Empathie – in alle Richtungen.» Für ihn persönlich sei bisher das Dankesessen das Highlight gewesen, das er mit dem Betriebsrat in Kriens mitorganisierte. Von der Ideensuche über Offerten bis zur gesamten Organisation lag alles in ihrer Verantwortung. «Man weiss, dass man es nie allen recht machen kann», sagt er und zuckt lachend mit den Schultern. Gleichzeitig habe er durch diese Arbeit eine neue Wertschätzung für verschiedenste Tätigkeiten und Produkte entwickelt: «Hinter allem steckt viel Arbeit – und alles hat seinen Preis.»

 

Begleitet wird der Betriebsrat von Stefan Lütolf, Mitglied der Geschäftsleitung, und aktuell auch von Ursula Stierli, Assistenz Bereich Wohnen und Arbeit. Sie erarbeitet gemeinsam mit den Betriebsratspräsident:innen ein einheitliches, gemeinsames Reglement. «Der Betriebsrat wurde schrittweise eingeführt, anfangs mit wenigen Vorgaben. Nun erarbeiten wir eine gemeinsame Struktur», erklärt Stierli. Sie erlebt die Vielfalt der Themen: von kleinen Anliegen bis zu strukturellen Fragen. Oft seien es konkrete Berufsalltags-Anliegen – etwa der Wunsch nach einem Kühlschrank, einer Mikrowelle oder eine Raucherecke. Manchmal jedoch haben scheinbar kleine Veränderungen grosse Wirkung, wie im Restaurant in Sursee. Hier wurde die räumliche Abgrenzung zwischen Fachpersonal und Mitarbeitenden aufgehoben – ein Zeichen für gelebte Inklusion. Solche Anliegen werden dabei erst mal in den Unternehmen diskutiert und entschieden. Und dann je nachdem bei der Geschäftsleitung platziert. Denn zweimal jährlich sitzen die Präsident:innen aller Standorte mit dieser zusammen.

In der Produktion Neubrugg engagiert sich Franziska Hänggi im Betriebsrat. Sie arbeitet in der Abteilung Montage als Näherin und ist seit der Gründung dabei. Nach zwei Jahren wurde sie zur Präsidentin gewählt – eine besondere Anerkennung. «Mir liegt viel daran, mich für andere einzusetzen», sagt sie. «Ich traue mich, etwas zu sagen – und ich weiss, dass das nicht für alle gleich einfach ist.» In Franziska Hänggis Arbeitsumfeld dominiert aktuell der gleich nebenan geplante Neubau die Diskussionen. «Die Mitarbeitenden wollen wissen, wer in Zukunft mit wem den Boden teilen wird oder was wir bezüglich Infrastruktur und Einrichtung einbringen können», so Hänggi. Es sei wichtig, diese Wünsche aufzunehmen – auch wenn die Antworten noch Zeit brauchen. Denn oft geht es nur schon ums Gehörtwerden – und um Fairness. Wie bei einem anderen Beispiel von Hänggi: Da die Post nur an einen der beiden Standorte der Produktion Neubrugg geliefert wurde, musste sie täglich zwei Mal von einem Team abgeholt werden. «Das sorgte auf unserer Seite für Unmut», so Hänggi. Nachdem das Anliegen eingebracht und diskutiert wurde, wird das Post-Ämtli heute fair auf beide Standorte verteilt. Und ein kleiner Frust hat sich verflüchtigt.

 

Einig sind sich Guarino und Hänggi in einem Punkt: Mitbestimmung braucht Mut. Doch sie ist auch eine grosse Chance. Und eine Wertschätzung.