Hand in Hand

 
 
 

Bei der Herstellung von Lebensmitteln haben Unternehmen höchste Anforderungen zu erfüllen. Können da Menschen mit Beeinträchtigung in der Produktion mitarbeiten? Selbstverständlich. Chocolat Schönenberger zeigt wie.

 
 

Eine Waschküche in einer Schokoladenfabrik? Auf den ersten Blick: unerwartet. Bei näherer Betrachtung: zwingend. Bis zu 1000 Giessformen reinigt Kevin Giger an einem Arbeitstag. Sein Reich ähnelt einer Restaurantküche. In der Waschstrasse werden die Giessformen gründlich gewaschen und getrocknet. Die sauberen Formen reiht Kevin Giger auf fahrbare Regale und bringt sie in die Produktion. Der ehemalige
Mitarbeiter der Stiftung Brändi wurde 2017 von Chocolat Schönenberger übernommen.

Schönenberger ist eine Schokoladen-Manufaktur. Sprichwörtlich. Praktisch alles ist Handarbeit. Das beginnt beim Aufbereiten der Couverture mit einem grossen Stabmixer und beim Bedienen der «Schoggistrasse». Hier legen die Mitarbeitenden die sauberen Giessformen, je nach Kunde und Auftrag, auf das Förderband. Die Formen werden automatisch mit Schokolade gefüllt, kurz geschüttelt, um die Luftblasen zu entfernen, und danach von Hand auf fahrbare Regale zum Auskühlen gelegt. Selim Cezik arbeitet seit acht Jahren an der Produktionsstrasse. Eine Aufgabe, der nicht alle Mitarbeitenden der Stiftung Brändi gewachsen wären. Das Förderband gibt das Arbeitstempo vor. Ausdauer und  Feingefühl sind gefragt. Selim Cezik hat beides – und wie alle Menschen stärkere und schwächere Tage.

In der Schokoladen-Manufaktur arbeiten 60 Personen. Menschen wie du und ich. Mit mehr und weniger Einschränkungen: geistig, sprachlich, motorisch. «Was in einer Familie völlig normal ist, sollte auch in der Arbeitswelt gelten», findet Philippe Scherer, Geschäftsführer von Chocolat Schönenberger. «Man geht auf die individuellen Bedürfnisse von Menschen ein, ob das nun Kinder, ältere Menschen oder eben Menschen mit Beeinträchtigung sind.» Es gelte herauszufinden, wer sich für welche Arbeiten eignet und was zumutbar ist. Wie bei jedem Menschen. «Wenn jemand Rückenbeschwerden hat, erhält er ein Stehpult. Völlig normal. Bei uns erhält jemand mit Schizophrenie einen abgegrenzten Arbeitsplatz, wenn das hilft. Auch völlig normal.»

Menschen mit Beeinträchtigung zu beschäftigen, ist für Chocolat Schönenberger etwas selbstverständliches und in der Firmenkultur fest verankert. Eine Zusammenarbeit mit der Stiftung Brändi lag daher auf der Hand. «Es ist eine Winwin-Situation», sagt Scherer. «Wir brauchen viele Hände, die Stiftung Brändi sucht Arbeitsplätze für ihre Mitarbeitenden. Diese sind mit Herzblut dabei, voll integriert und sagen stolz: Ich bin bei Schönenberger.» Die Zusammenarbeit erlebt Scherer als «sehr unkompliziert», vor allem dank Jobcoach Rolf Imgrüth, der jede Woche bei Schönenberger ist und ganz selbstverständlich ein- und ausgeht. «Es ist wichtig, dass Unternehmen wie auch die Mitarbeitenden der Stiftung Brändi spüren, dass sie nicht alleine gelassen werden.» Für Unternehmen sind vor allem zwei Punkte entscheidend: «Mit mir haben sie eine direkte Anlaufstelle und wenig Betreuungsaufwand », erklärt Imgrüth.

Eine Etage über der Produktion erfolgt die Weiterverarbeitung der Schokolade. Schöggeli mit dem Pilatus werden verpackt, für den Export werden Tafelschokoladen konfektioniert. Die Stiftung Brändi hat permanent rund acht Arbeitsplätze bei Chocolat Schönenberger, in Spitzenzeiten bis zu zwölf. Mitarbeitende der Stiftung Brändi arbeiten bei fünf von sieben Produktionsschritten mit. Monica Ronzi kontrolliert an diesem Tag die Verpackung von Schokoladenherzen. Nebenan sitzt Gian-Carlo Agostinetto und bricht mit weissen Handschuhen grosse Schokoladenplatten in Stücke. Beide sind hochkonzentriert. Sie wissen, dass ihre Hände gebraucht werden.

Schönenberger ist ein zertifizierter Lebensmittelproduzent, der höchste Standards erfüllen muss. Kein Grund, nicht auch soziale Verantwortung zu übernehmen. «Wir zeigen, dass dies kein Widerspruch ist», sagt Geschäftsführer Philippe Scherer. «Und wenn wir das können, dann können das auch andere Unternehmen. Menschen mit Beeinträchtigung zu beschäftigen, sollte das Normalste der Welt sein.» <

Von Manuel Huber, Bilder: Fotosolar

 

 
 

 

Chocolat Schönenberger hat bereits drei Mitarbeitende der Stiftung Brändi übernommen.
Ein fixes Arbeitsverhältnis erhielt unter anderem
Kevin Giger. Der 26-Jährige ist für die Reinigung der Giessformen verantwortlich.

 

Chocolat Schönenberger AG
Der Luzerner Schokoladenhersteller Schönenberger beschäftigt 60 Mitarbeitende und stellt hochwertigste Schokolade- und Confiserieprodukte her – auch in Bio- und Fairtrade-Qualität. Im Jahre 2018 wurde der Fortbestand der Manufaktur Schönenberger mit der Übernahme durch die Heidi Chocolat SA gesichert. Die Heidi Chocolat SA gehört zur Süsswareninitiative der österreichischen Meinl-Familie. Heidi hat weitere Produktionsstätten in Österreich, Deutschland und Rumänien und exportiert in 49 Länder.