Etappenziel: WG-Leben

 
 
 

Drei junge Männer in ihrer ersten Wohnung – das tönt nach Unordnung. Und genauso ist es. Weil sie ihre neue Freiheit geniessen. Auch wenn nicht immer perfekt geputzt und aufgeräumt ist: Ihr Start in den neuen Lebensabschnitt ist eine Erfolgsgeschichte.

 
 

Sie können kommen und gehen, wie sie wollen. Ihre Wohnung im Schweighof in Kriens haben sie so eingerichtet, wie sie es wollten. Die Bar im Wohnzimmer ist noch ein Provisorium, aber einladend. Vor allem aber bestimmen die drei Männer im Alter zwischen 21 und 25 Jahren, was Ordnung ist. «Wir sind alle relativ faul und geniessen es jetzt, dass uns niemand sagt, wir müssten etwas wegräumen», sagt Benjamin Müller. Wenn es ihnen doch zu viel wird, räumen sie gemeinsam auf und kratzen Reste aus Pfannen. Haushalten haben sie gelernt, sie könnten es, doch das Chaos ist gewollt. Es ist Ausdruck ihrer neuen Freiheit, nach der sie sich sehnten.

Benjamin Müller nutzte während seiner Lehre zum Konstrukteur EFZ das Angebot «Wohnen in Ausbildung» der Stiftung Brändi in Kriens und lebte später in einer Aussenwohngruppe in Luzern. In diesen betreuten Wohngemeinschaften lernte er einen der heutigen Mitbewohner kennen, den anderen kannte er von früher. «Mit dem Ende der Ausbildung war klar, dass ich aus der Aussenwohngruppe ausziehen muss und wünschte mir eine WG. Ich sprach mit beiden darüber und konnte mir mit beiden eine Zweier-WG vorstellen», erinnert sich Müller. Weil sich alle drei kannten und gut verstanden, kam es schliesslich zur Gründung einer Dreier-WG – nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. Im Frühling 2020 starteten sie die Suche nach einer Wohnung und hielten sich über ihren WG-Chat auf dem Laufenden.

 

 
 

Die Suche war «easy». Sie besichtigten nur zwei Wohnungen und erhielten ihren Favoriten: eine 4.5-Zimmer-Wohnung im 5. Stock im neuen Quartier Schweighof, mit Waschturm und Parkplatz. «Der Umzug lief so ab, wie die Wohnung heute meist aussieht: chaotisch», gibt Benjamin Müller zu. «Aber es war nicht stressig, da wir alle keine Wohnung abgeben oder auf einen Termin raus mussten.» Nach und nach füllte sich ihre Wohnung mit Sachen von zuhause, den bisherigen WG-Zimmern und aus dem Brockenhaus. Das Einleben brauchte seine Zeit. Aber der Umgang unter den drei jungen Männern war immer freundschaftlich und rücksichtsvoll. Über Probleme und Sorgen sprechen sie seit jeher ganz offen, auch als sich Benjamin Müller anfangs schwertat, dass er allein im Wohnzimmer sass: «Die anderen verzogen sich oft in ihre Zimmer zum Fernsehen oder Gamen. Als geselliger Mensch war das für mich langweilig.» Heute hocken sie häufiger zusammen in der Stube, plaudern, schauen einen Film, trinken ein Bier. Sie nahmen sich auch vor, hin und wieder gemeinsam zu kochen. Aber der Appetit darauf kam nie so richtig auf, auch weil sie oft aneinander vorbeileben. So kauft jeder für sich ein und kocht – wenn überhaupt – für sich selbst.

 

«Den Entscheid, gemeinsam eine WG zu gründen, haben wir bis jetzt nie bereut», sagt Benjamin Müller. Es gibt aber Dinge, die sie unterschätzt haben. Und zwar gewaltig. «Vor allem das Putzen. Das braucht viel Zeit und Motivation. Wir hätten aber auch nicht gedacht, wie viel Verbrauchsmaterial man zum Leben so braucht, vom WC-Papier über Abfallsäcke bis zu Putzmittel. Das geht ins Geld.» Sie geben es lieber für anderes aus, ihr hart verdientes Geld. Alle arbeiten im ersten Arbeitsmarkt, zwei auf ihren erlernten Berufen, der dritte ist noch in Ausbildung. Seit dem Lehrabschluss ist Benjamin Müller nicht mehr auf die IV und die Stiftung Brändi angewiesen. Mit ihrer Unterstützung hat er den Sprung in ein selbstständiges Leben geschafft. Ein Mitbewohner wird noch über eine Assistenz betreut. Der Austausch beschränkt sich meist auf das wöchentliche Telefongespräch und die Frage: «Hast du etwas auf dem Herzen?» Für diese Anlaufstelle ist er dankbar. Der dritte junge Mann in der WG hat keinen Bezug zur Stiftung Brändi. Was die drei verbindet: Ihr Wille, für sich selbst zu sorgen, eigene Erfahrungen zu machen, ihren Weg zu finden und zu gehen. Das bisschen Chaos am Boden stört sie dabei nicht im Geringsten. Im Gegenteil. Es erinnert sie daran, dass sie auf eigenen Beinen stehen. <

Text: Manuel Huber, Illustration: Raise Your Flag

 
 

Wohnen in Ausbildung – seit 25 Jahren
Die Stiftung Brändi bietet Wohnen in Ausbildung bereits seit 25 Jahren an. Das Angebot richtet sich an junge Menschen, die eine Ausbildung, eine berufliche Abklärung oder eine Umschulung absolvieren. Die Kombination von Wohnen und Arbeiten ermöglicht eine gezielte, professionelle Förderung. Sie sammeln wertvolle Erfahrungen und können ihre Selbstständigkeit und Eigenverantwortung weiterentwickeln

Mehr Informationen dazu auf:
braendi.ch/wohnen/wohnen-in-ausbildung