Mein Körper gehört mir

 
 
 

Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen sind einem bedeutend höheren Risiko ausgesetzt, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden. Die Stiftung Brändi geht das Thema gesamtheitlich an – und bewegt sich in einem Spannungsfeld.

 
 

Ich kenne gute und schlechte Berührungen. Hilfe holen ist wichtig. Oder auch: Ich darf Nein sagen. So heissen drei der sechs Stationen der interaktiven Präventionsausstellung INA «Mein Körper gehört mir!». Neben Jugendlichen ab 13 Jahren richtet sich die Ausstellung an Erwachsene mit kognitiven Beeinträchtigungen. Sie dient der Prävention und Befähigung. Besucherinnen und Besucher sollen Selbstkompetenzen bezüglich Nähe, Distanz und Grenzsetzung aufbauen und stärken. Dazu gehört auch das Recht auf selbstbestimmte Sexualität und Partnerschaft, das in der UN-Behindertenrechtskonvention – kurz UN BRK – verankert ist.

Mitarbeitende und Bewohnende der Stiftung Brändi konnten die Ausstellung in Sursee und in Kriens besuchen. Fachpersonen führten durch die Stationen und beantworteten Fragen. Dabei entstanden angeregte Gespräche. Mit grossem Interesse wurde alles ausprobiert und mit verschiedenen Sinnen erlebt. «Die Rückmeldungen waren durchaus positiv », sagt Lena Schmitt, Abteilungsleiterin im Wohnhaus Willisau. «Die Ausstellung holte die Besucherinnen und Besucher mit unterschiedlicher kognitiver Fähigkeit dort ab, wo sie stehen. Mehr Mühe hatten Menschen mit psychischer Beeinträchtigung, da sie einen anderen Zugang zur Thematik haben.» Auch interessierte Angehörige waren in der Ausstellung willkommen.

Die Ausstellung ist in einen thematischen Organisationsentwicklungsprozess eingebettet und stösst eine inhaltliche und fachliche Auseinandersetzung auf den Ebenen der Klientinnen und Klienten, Fachpersonen und Leitungspersonen an. Dabei reflektiert die Stiftung Brändi ihre bestehenden Konzepte, Strukturen und internen Abläufe. «Es geht darum, als Institution einen Rahmen zu schaffen, der sexuelle Ausbeutung möglichst verhindert», erklärt Schmitt. «Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen sind einem bedeutend höheren Risiko ausgesetzt, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden. Es gehört deshalb zu den zentralen Aufgaben einer Institution, sich dem Thema Prävention sexueller Ausbeutung anzunehmen und sich mit dem Spannungsfeld zwischen dem Recht auf selbstbestimmte Sexualität und dem Schutz vor sexualisierter Gewalt aktiv auseinanderzusetzen.»

 

Die Prävention sexueller Gesundheit ist in der Stiftung Brändi ein Dauerthema. «Vor mehreren Jahren wurde viel in dieses Thema investiert», sagt Schmitt. «Es bestehen zahlreiche Arbeitsunterlagen und entsprechende Prozesse sind definiert. Die letzten Monate haben aber gezeigt, dass in diesem Thema Weiterbildungsbedarf bei AWBs und Wohnunternehmen besteht.» Nach der Ausstellungzeit finden noch in diesem Jahr zwei Reflexionsveranstaltungen mit Führungspersonen, Ansprechpersonen und Schlüsselpersonen statt. Dabei wird definiert, welche Bausteine der Prävention sexueller Ausbeutung in der Stiftung Brändi bearbeitet und überarbeitet werden sollen. <

Von Manuel Huber, Illustration: Raise Your Flag

 
 

«Je nach Lebenssituation eine spezielle Herausforderung»

Welche Bedeutung haben die Themen Körper, Partnerschaft und Sexualität für Menschen mit Behinderung?
Die Bedeutung ist immer personenbezogen und sehr individuell, je nach Biografie, Ressourcen, Erfahrungen und Zugangsmöglichkeiten zu Informationen. Grundsätzlich kann der Umgang oder die Umsetzung des

Rechts auf umfassende Selbstbestimmung in diesen Lebensbereichen
je nach Lebenssituation eine spezielle Herausforderung sein.

Welche Fragen beschäftigen vor allem?
Es sind grundsätzlich genau dieselben Fragen, wie sie alle Menschen vor, während und nach Beziehungen beschäftigen. Es geht um Themen wie Partnersuche, Verhütung, Kinderwunsch, Trennung und viele mehr. 

 

Können Sie Beispiele von konkreten Anliegen nennen?
Das Thema «die richtige Freundin, den richtigen Freund finden » taucht immer wieder auf. Manchmal ist das Bild der Traumfrau oder des Traummannes in der Realität nirgends anzutreffen. Dann stellen sich Fragen wie: Was mache ich jetzt? Wo und wie suche ich? Oder einfach aufgeben? Es stellen sich auch konkrete Fragen zur Beziehungsgestaltung im Sinne von: Ich möchte nicht mit an den FCL-Match, aber er will immer gehen.

Was erhoffen Sie sich vom gesamten Prozess?
Dass die Auseinandersetzung und Weiterentwicklung der Themen im Alltag zu einer Steigerung der Lebensqualität für Menschen mit Behinderung führt – und für uns Professionelle zu einer Steigerung der Kompetenzen.

Interview mit Rahel Huber, Ombudsfrau, Fachperson Sozialpädagogik