Im Dialog mit Angehörigen

 
 
 

Alle wollen nur das Beste für die Bewohnenden der Stiftung Brändi. Was das genau ist, da haben Angehörige und Betreuungspersonen zuweilen unterschiedliche Haltungen. Im Fall von Jasmin Steck konnte durch ein wertschätzendes Miteinander so manche Krise abgewendet werden.

 
 

Was ist das Beste für Jasmin? Diese Frage beschäftigt ihre Mutter Helen Steck seit jeher. Jasmin ist ein fröhlicher Mensch mit vielen Ideen. Kochen, Backen, Gesellschaftsspiele, Kinder, Tiere – all das mag sie und tut ihr gut. Jasmin ist aber auch ein Mensch, der von seinen Gefühlen regelmässig überrollt wird. Dann plagt sie rasende Eifersucht und sie zerstört mutwillig Dinge. Sie verzweifelt, wenn etwas nicht klappt und kann Rückmeldungen schlecht einordnen.

Aufgrund ihrer intellektuellen Entwicklungsstörung hat sie eine verminderte Intelligenz und ihr emotionaler Entwicklungsstand entspricht nicht ihrem Alter. «Jasmin ist eine 24-jährige Frau, die sich oft nicht altersgemäss verhält», erklärt ihre Betreuerin bei der Stiftung Brändi, Simone Röllin. Diese Störung führt auch dazu, dass Jasmin zwischen Realität und Wunsch kaum unterscheiden kann. «Wenn Jasmin uns belügt, geschieht das nicht aus böser Absicht, sondern weil etwas in ihrer kindlichen Wahrnehmung so ist. Fachlich gesehen kann sie gar nicht anders.»


Für ihre Mutter eine schwierige Situation. Helen Steck ist alleinerziehend und arbeitet Vollzeit im Verkauf mit unregelmässigen Arbeitszeiten. Abends mal ausgehen war für sie unmöglich. Jasmin fühlte sich in solchen Situationen weniger geliebt und hatte das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben. «Schliesslich habe ich mich entschieden, dass es die beste Lösung ist, wenn Jasmin unter der Woche in der Stiftung Brändi ist», erzählt Helen Steck. «Der Wechsel verlief erstaunlich gut, war aber für uns beide hart.» Jasmin lebte anfangs in verschiedenen Wohngruppen, was nicht funktionierte. Sie brauchte rund um die Uhr eine Ansprechperson und wechselte daher auf das Wohnen intensiv. >

 

 
 

Der Ablöseprozess von zuhause und die Suche nach einer geeigneten Wohnform erfolgten im engen Austausch. «Der Dialog zwischen Jasmin, mir und der Stiftung Brändi war sehr gut», erinnert sich Helen Steck. «Ich konnte meine Anliegen immer einbringen und fühlte mich ernstgenommen.» Das ist nicht selbstverständlich. Denn die Betreuung von Angehörigen und der Dialog mit ihnen ist mit vielen Herausforderungen verbunden, sagt Simone Röllin: «Wenn es Differenzen gibt, dann geht es oft um unterschiedliche Haltungen oder Misstrauen.» So glaubten Eltern in einem Fall, dass ihrer Tochter bei der Stiftung Brändi Beruhigungsmittel gegen ihren Willen verabreicht werden. Andere Eltern wollten, dass sich ihre Tochter gegen das Coronavirus impfen lässt. Diese hat aber panische Angst vor Spritzen. Die Stiftung Brändi respektiert das und zwingt niemanden zu einer Impfung.


Der Austausch wird aber immer gesucht und ist wichtig, sagt Röllin: «Die Angehörigen sind Experten. Sie kennen die ganze Biographie eines Menschen und haben alle Krisen miterlebt. Ihre Erfahrungen sind wertvoll im Umgang mit unseren Bewohnenden.» Das betrifft Krisen genauso wie Glücksmomente. Als Jasmin mutwillig ein Pult zerstörte, musste sie einen Teil des Schadens aus ihrem Sackgeld bezahlen. Ihre Mutter wusste aus Erfahrung, dass diese Konsequenz bei Jasmin am wirkungsvollsten ist. Auch als Jasmin einen ganzen Tag mit einer Wagenbaugruppe verbringen wollte, nahm Simone Röllin mit ihrer Mutter Kontakt auf. Ist sie damit einverstanden? Kennt sie diese «Freunde»? Ja, sagte Helen Steck und bot an, Jasmin hin- und zurückzufahren. Auch mit ihrem Vater hat Jasmin einen guten Kontakt. Sie kann ihn immer besuchen und anrufen – was sie auch tut. «Jasmin telefoniert fast täglich mit uns beiden und tauscht sich aus», sagt Helen Steck. «Das hilft manchmal auch bei der Verarbeitung von Problemen.»


Die Betreuungspersonen der Stiftung Brändi suchen im direkten Austausch mit den Angehörigen gemeinsam nach Lösungen. Sie wirken aber auch als Übersetzerinnen und Übersetzer, wenn man sich zu Gesprächen mit Ärztinnen und Psychologen trifft. Sie bringen ihr Fachwissen ein, versuchen zu vermitteln und zu erklären. «Das ist eine Kunst», sagt Simone Röllin. «Wichtig ist, dass wir immer transparent aufzeigen, was und weshalb etwas aus unserer Sicht sinnvoll ist.» Gute Erfahrungen machte Simone Röllin auch mit Gesprächen, für die es keinen besonderen Anlass gab. «Ich rufe Angehörige auch dann an, wenn alles rund läuft. Diese Kontaktpflege schafft zusätzlich Vertrauen.»


Bei Helen Steck ist das Vertrauen da. «Als Mutter muss man loslassen und vertrauen können. Das gelingt mir gut. Ich weiss, dass sich die Stiftung Brändi meldet, wenn es Probleme mit Jasmin gibt. Das ist sehr beruhigend.» Und so wie Simone Röllin die Eltern in einer Expertenrolle sieht, spricht auch Helen Steck von Expertinnen und Experten. «Ich kann mein Leben leben und weiss, dass es Jasmin in der Stiftung Brändi gut geht. Sie ist von Experten umgeben.» Helen Steck schätzt ihre Arbeit und den Umgang mit Jasmin sehr. «Als Mutter weiss ich, wie viel Nerven Jasmin braucht. Bei der Stiftung Brändi geben sich alle grosse Mühe mit ihr. Simone Röllin spürt gut, wenn sich bei Jasmin eine Krise anbahnt. Sie schafft es, auf Jasmin einzugehen und Krisen abzuwenden.»


So wie bei Helen Steck ist bei den meisten Angehörigen grosse Dankbarkeit zu spüren. Der Dialog wird von beiden Seiten als konstruktiv und wertvoll erachtet. Es gibt unzählige Beispiele, wie ein respektvolles Miteinander viel Gutes zugunsten der Bewohnenden bewirken kann. Auch bei Jasmin Steck, bestätigt ihre Mutter: «Trotz ihren Krisen musste Jasmin noch nie in die Psychiatrie eingewiesen werden, seit sie im betreuten Wohnen lebt. Die Stiftung Brändi konnte sie immer auffangen. Das ist sensationell und lässt mich auch in Zukunft ruhig schlafen.» <

Von Manuel Huber, Bilder: Fotosolar

 

 
 

Gemeinsam die Betreuungsqualität verbessern
Nicht nur die Betreuung unserer Klientinnen und Klienten erachten wir als unseren Auftrag, sondern auch die der Angehörigen. Der Austausch mit ihnen gehört zu unserem Alltag. Es liegt in der Natur der Sache, dass wir und Angehörige manchmal eine unterschiedliche Sicht auf die Dinge haben. Wir betrachten die verschiedenen Blickwinkel als wichtige Bereicherung, um gemeinsam die bestmögliche Betreuungsqualität zu erreichen.

Rebekka Röllin, Bereichsleiterin Wohnen
in der Stiftung Brändi