29.10.2019

Schrauberherz mit Benzin im Blut

 

Vom Töffli zum Traktor

Erwin Schmid zerlegte den uralten Traktor seines Grossvaters bis auf die letzte Schraube. Zehn Jahre und Hunderte Arbeitsstunden später sieht der Oldtimer aus wie neu und weckt das Interesse von Käufern.

Der Grossvater war Bauer und hatte ein kleines Lohnunternehmen mit einer grossen Dreschmaschine. Damit führte er Aufträge für Bauern aus. «Als Kind konnte ich auf den Traktoren mitfahren», erinnert sich Erwin Schmid. «Meine Eltern nahmen mich auch an Oldtimertreffen mit. Autos mit grossen Motoren lassen mein Herz heute noch höherschlagen.»

Als sein Grossvater das Bauern aufgab, vermietete er seine Gebäude an Kleinunternehmen, vorwiegend an Automechaniker. Für Erwin Schmid war das eine prägende Zeit. Da wurden vor seinen Augen Motoren zerlegt und Autos repariert. Der heute 30-Jährige schaute stundenlang dabei zu, stellte Fragen und reichte dem Mechaniker hin und wieder einen Schraubenschlüssel. So lernte er die Werkzeuge und die Arbeitsschritte beim Revidieren von Motoren kennen. Sehr viel lernte er auch von seinem Vater, der gelernter Automechaniker ist. Für Erwin Schmid war bald klar, dass er selber «schrauben» wollte. So kaufte er sich ein Zweigang-Töffli, ein Pony 305 mit einem Motor von Sachs. Daran wollte er «den Feinschliff machen». Es lief nicht immer alles rund. Seine ADHS-Krankheit machte sich bemerkbar, Erwin Schmid wurde schnell nervös und brauchte manchmal Hilfe beim Zusammenbauen.

Als 20-Jähriger kam ihm die Idee, den uralten Traktor seines Grossvaters von Grund auf zu revidieren. Er baute eine neue Batterie ein und siehe da: Der Traktor lief auf Anhieb an. Das Öl wurde warm und konnte abgelassen werden. Erwin Schmid zerlegte den Traktor in sämtliche Einzelteile. Sein Vater und ein Kollege halfen ihm dabei. «Wir ersetzten alle Dichtungen, die Simmerringe, die Lager, die Kupplung und die Bremsen. Wir brauchten neue Pneus. Ich habe alle Gussteile gewaschen und entfettet. Von der Carrosserie haben wir die Farbe entfernt und liessen die Teile frisch spritzen.»

Das ganze Projekt dauerte fast zehn Jahre. «Meine Mutter sagte immer: Das ist deine ewige Baustelle, da wirst du nie fertig.» Erwin Schmid gibt zu, dass es kein einfaches Projekt war. «Erschwerend war, dass wir viermal umgezogen sind. Wir haben dann jeweils die wichtigsten Teile provisorisch zusammengebaut, damit wir den Traktor abschleppen konnten.» Heute ist der Traktor fertig und sieht aus «wie aus dem Laden», sagt Erwin Schmid stolz. «Wenn ich damit aufkreuze, kommen immer wieder Typen auf mich zu und fragen: Was muesch ha für das Deng?» Jemand sagte ihm, dass es von diesem Typ Traktor nur 42 Stück gebe. «Ich weiss nicht, ob das stimmt. Auf jeden Fall behalte ich den Traktor, ich kann mich nicht davon trennen.»

Erwin Schmid arbeitet bei der Stiftung Brändi in der Schreinerei.

Von Manuel Huber


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Schrauberherz mit Benzin im Blut

Bild: Fotosolar