Warum Covid-19 für mich etwas Gutes hat

 
 
 

Diese Äusserung klingt erstmal komisch. Um das zu erklären, stelle ich mich zuerst vor. Mein Name ist Marco und ich bin Autist, genau genommen Asperger-Betroffener. Ich arbeite seit meinem Lehrabschluss als Logistiker EFZ im AWB Kriens der Stiftung Brändi.

 
 

Ich bin anfällig für Reizüberflutungen. Vor allem, wenn ich mich nicht auf etwas konzentrieren kann. Die Auswirkungen auf meinen Alltag erkläre ich an ein paar Beispielen.

Ich habe keine Filterfunktion. Wenn ich in einem Zugwagen sitze, höre ich jedes Gespräch mit – ob ich will oder nicht. Dass so etwas zu viel auf einmal ist, ist vielleicht nachvollziehbar. Deswegen trage ich immer Kopfhörer im öffentlichen Verkehr. Unter vielen Leuten zu sein, ist energiezehrend, weil ich auch da diese fehlende Filterfunktion deutlich spüre.

In beiden Fällen ist es «dank» Covid-19 deutlich besser. Von weniger Leuten im Zug über die ruhigeren Wagen bis hin zu den Menschen an sich, die mehr Abstand halten. Es ist viel angenehmer.

 

Mit Abstand das Beste sind die wenigen Personen beim Einkaufen. Vor Covid-19 empfand ich Einkaufen als Spiessrutenlauf. Jetzt, mit der begrenzten Anzahl Kunden in den Läden, ist es wie Tag und Nacht.

Als Asperger-Betroffener pflege ich nicht viele soziale Kontakte. Meine Kontakte sind eher lose.  Besprechungen und Kontakte, die ich pflegen sollte, sind Fluch und Segen zugleich. Denn sie finden aktuell meist telefonisch und nicht persönlich statt. Und hier kommt eine andere Eigenschaft von mir ins Spiel: Ich telefoniere extrem ungern. Der Segen dabei ist, dass die Gespräche kürzer geworden sind.

All diese Situationen sind manchmal schwieriger und manchmal einfacher zu  bewältigen. Das hängt von meiner Tagesverfassung ab. Alles in allem hat Covid-19 für meinen Alltag etwas Gutes. <

Von Marco Frey Logistiker AWB Kriens
Illustration: RAISE YOUR FLAG Kreativbüro

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Als Autismus-Coach hat mich Marcos positives Erleben der Pandemie wenig erstaunt. Unser lauter, oft beengter und hektischer Alltag wurde im vergangenen Jahr gezwungenermassen stark entschleunigt und entspannt. Viele unserer Klientinnen und Klienten mit einer Autismus-Diagnose schildern Ähnliches, nämlich einen angenehmeren, freieren und stressärmeren Alltag, hervorgerufen durch die Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie. Vergessen wir also bei allen Klagen zur aktuellen Situation die Menschen nicht, die zur Zeit stark entlastet werden – ihre Bedürfnisse sollten wir auch nach der Pandemie
berücksichtigen.

Konstanze Rink arbeitet als Integrationsberaterin
Autismus-Spektrum-Syndrom bei der Stiftung Brändi.