«Ich bin enorm glücklich»

 
 
 

Marcel Hossli fühlt sich sehr wohl in seiner neuen Rolle als Vorsitzender der Geschäftsleitung. In gegenseitiger Wertschätzung, steter Weiterentwicklung und Agilität in den sich verändernden Rahmenbedingungen sieht er die wichtigsten Grundpfeiler für die positive Weiterentwicklung der Stiftung Brändi.

 
 

 

Fühlen Sie sich wohl? Wurden Sie gut aufgenommen?
Oh ja! Ein rundum gutes Gefühl stellte sich schon während der Bewerbungsphase beim ersten Kontakt ein. Nach dem ersten Treffen mit der Geschäftsleitung kurz nach dem Abschluss des Arbeitsvertrages hatte ich bereits Schmetterlinge im Bauch. Und nun ist es Liebe!

Wie nutzten Sie Auszeit vor dem Stellenantritt?
In der Tat hatte ich die Möglichkeit, mich schon während sechs Monaten vor Arbeitsbeginn intensiv mit meiner künftigen Aufgabe zu befassen. Ich suchte den Kontakt zu Pirmin Willi, der mich in der Folge regelmässig mit wertvollen Informationen bediente und dafür sorgte, dass mir der Lesestoff nie ausging. So begleiteten mich Schriften wie die UN-Behindertenrechtskonvention oder das kantonale Gesetz über soziale Einrichtungen (SEG) während einer Familienreise sogar nach Burma, Kambodscha und Vietnam. Sehr eindrücklich waren zudem zwei mehrtägige Besuche bei befreundeten sozialen Institutionen. So konnte ich bereits einen vertieften Einblick in den künftigen Verantwortungsbereich gewinnen.

Wie erleben Sie den Wechsel aus der freien Wirtschaft in eine soziale Institution?
Der Wechsel ist nicht so einschneidend, wie dies im ersten Moment anmuten könnte. Die Stiftung Brändi ist eine soziale Institution, die sich an erster Stelle in den Dienst ihrer wichtigsten Kundengruppen stellt, den Menschen mit Behinderung. Dazu gibt es für mich natürlich noch ganz viel zu lernen. Andererseits ist unsere Unternehmung ein bedeutender Leistungserbringer für die freie Wirtschaft und Hersteller von begehrten und bekannten Produkten wie Brändi Dog und Brändi Grill. In der Führung eines produzierenden Unternehmens von Qualitätsprodukten bringe ich umfassende Erfahrung mit.

 
 

Was können Sie aus Ihrer bisherigen Erfahrung in der internationalen Textilindustrie einfliessen lassen?
Bei meiner vorherigen Tätigkeit als Geschäftsführer des Unterwäscheproduzenten Zimmerli galt es, sich in einem sehr kompetitiven Markt und einem phasenweisen harten wirtschaftlichen Umfeld durchzusetzen. Es gab immer wieder schwere Prüfungen zu bestehen, beispielsweise die massive Verteuerung des Schweizer Frankens. Der Druck war fast dauernd hoch, wodurch ich eine gewisse Gelassenheit entwickelt habe, die hilfreich ist in einer Führungsposition. Auch hatte ich täglich Kontakt mit andersartigen Menschen, Kunden aus den verschiedensten Ecken und Kulturen dieser Welt. Und ein direkter Anknüpfungspunkt zur Stiftung Brändi war die Führung der Produktionsstätte von Zimmerli im Südtessin. Dort befindet sich das Herz des Unternehmens, wo täglich mit Herzblut und grossem Können wunderbare Qualitätsprodukte hergestellt werden – so wie in unseren neun Produktions- und Dienstleistungszentren, den Gärtnereien und Gastronomiebetrieben.

Wie beschreiben Sie sich als Führungsperson?
Wie alle Menschen habe auch ich Stärken und Schwächen. Aber ich weiss, was mir wichtig ist. Ich schätze das tatkräftige Miteinander, was ungeheure Kräfte mobilisiert und zu Ergebnissen führt, auf die wir stolz sein dürfen. Es ist mir wichtig, dass wir uns alle stark mit der Stiftung Brändi und unserer Mission identifizieren. Dass wir uns voll einsetzen, einander unterstützen und uns aufeinander verlassen können. Ich begegne allen gerne auf gleicher Augenhöhe, und ich bestehe auf einen respektvollen Umgang. Zudem stimmt es mich zufrieden, wenn die Menschen bei der Stiftung Brändi ein Lächeln auf sich tragen. Sauer machen mich Nörgeleien, mangelnder Respekt, Sturheit und fehlendes Pflichtgefühl.

Was wird sich unter Ihrer Führung verändern?
Was die Stiftung Brändi auszeichnet, ist der geringe Bedarf für eine rasche Veränderung. Seit der Gründung vor über 50 Jahren haben wir stets den Pfad des Erfolges beschritten, ohne Brüche und ohne Skandale. Die Stiftung ist sehr solide aufgestellt und erbringt kompetente Leistungen. Dem gilt es täglich grösste Sorge zu tragen. Andererseits ist der stete Wandel bekanntlich die einzige Konstante. Wir müssen daher in Bewegung bleiben und uns selbstbestimmt weiterentwickeln. Natürlich werden wir mittelfristig mit den Folgen der aktuellen Corona-Krise beschäftigt sein. Ebenso wichtig ist aber, einen langfristigen Plan zu haben, der begeistert! Und dass wir uns mit der gebotenen Hartnäckigkeit stetig auf dieses Ziel hinbewegen.

Konstanz oder Weiterentwicklung: wo ordnen Sie sich ein?
Dies ist kein entweder oder – im Gegenteil. Ich bin ein überzeugter Verfechter der These, dass sich jedes Unternehmen kontinuierlich weiterentwickeln muss, um langfristig überlebensfähig zu bleiben. Das Umfeld ändert sich stetig, und darauf müssen wir Antworten finden und Massnahmen einleiten. Revolutionen und Brüche wären dabei nur im Fall «Fünf-vor-zwölf», also bei akuter Gefahr des Scheiterns legitim. Viel sinnvoller ist der Ansatz, durch ständige kleine Verbesserungen über die Zeit bedeutende Entwicklungsschritte zu vollziehen. Damit sichern wir uns die grosse Kompetenz und den nachhaltigen Erfolg der Stiftung Brändi.

Wie erreichen Sie, dass Fachpersonal und Mitarbeitende ihr Bestes geben?
Die Motivation am Arbeitsplatz wird meines Erachtens wesentlich von drei Faktoren genährt:

  1. Der Sinnhaftigkeit der Aufgabe
  2. Der Identifikation mit dem Arbeitgeber und der gelebten Kultur
  3. Der Möglichkeit, sich selber fachlich und menschlich weiterzuentwickeln


Es ist eine der Kernaufgaben aller unserer Führungskader, zugunsten des umfassenden Erfolges diese Voraussetzungen zu schaffen.

Tendenziell sinken öffentliche Beiträge an soziale Institutionen. Wie gehen Sie damit um?
Tatsächlich ist es so, dass der (finanzielle) Kuchen kaum mehr grösser wird, wohl aber die Zahl jener, die davon essen wollen. Im intensiven, konstruktiven Dialog mit der zuständigen Dienststelle DISG gilt es faire Tarife zu vereinbaren, welche die Kosten für die erbrachten Leistungen decken. Weiter müssen diese Tarife die Erneuerung der Infrastruktur und die Realisierung neuer bedarfsgerechter Leistungen ermöglichen. Im Gegenzug nehmen wir die Verantwortung wahr, sehr bedacht mit den Finanzmitteln umzugehen. Es gilt, Verschwendung aller Art zu vermeiden, die Produktivität zu steigern und Kundenaufträge zu akquirieren, die sich für unsere Mitarbeitenden gut eignen und zudem rentabel sind.

 

Wie kann die Stiftung wachsen und sich weiterentwickeln?
Die Möglichkeiten sind fast unbeschränkt – die Frage ist, welche Optionen unseren Klienten am meisten dienen und uns zugleich erlauben, im freien Markt wettbewerbsfähig zu agieren. Bestrebungen hin zur verstärkten Inklusion und Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderung erfordern neue Ansätze und Angebote. Andererseits gibt es frische gesellschaftliche Trends und technologische Entwicklungen, zu denen wir eine Haltung einnehmen müssen. Neue Geschäftsfelder, Ausbildungs- und Wohnformen, werden stärker auf die Ansprüche einer jüngeren Generation von Klienten ausgerichtet sein. Wir müssen uns aber auch entwickeln für die Pensionäre. Die Lebenserwartung steigt stetig und die Ansprüche wandeln sich. Die Stiftung Brändi soll für alle Leistungsempfänger attraktiv bleiben.

Stichwort Digitalisierung: Wo sehen Sie Potential für die Stiftung Brändi?
Ob man es mag oder nicht, die Digitalisierung ist dabei, unseren Alltag nachhaltig zu verändern. Dies sollte man nicht als Gefahr, sondern als Chance begreifen. Die Digitalisierung bietet bedeutende Optionen, unsere Arbeit effizienter zu leisten und neue Geschäftsfelder mit Zukunftspotenzial aufzubauen. Und es geht auch im Rahmen der beruflichen Massnahmen für unsere jungen Kolleginnen und Kollegen darum, zukunftsträchtige Kompetenzen aufzubauen. Die Thematik Digitalisierung ist somit nicht nur ein Potential, sondern geradezu ein Gebot für die Zukunft der Stiftung Brändi.

Neben den Schlagworten «Sozial und Professionell» verwenden Sie gerne den Begriff «Nachhaltigkeit». Was hat es damit auf sich?
In meinem Verständnis sind Strategie, Massnahmen und Verhalten dann nachhaltig, wenn sie einen sozialen, ökonomischen und ökologischen Mehrwert schaffen – für die Stiftung als Körperschaft unserer Mission, für die Menschen mit Behinderung, das Personal, die Geschäftspartner und sogar für die Gesellschaft. Oder etwas direkter ausgedrückt: Nachhaltigkeit entfaltet langfristig eine positive Wirkung für alle Beteiligten.

Ich erfahre täglich, dass wir bei der Stiftung Brändi aus unserem Auftrag und Selbstverständnis heraus schon vieles richtigmachen. Trotzdem will ich dieser Thematik künftig noch mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen.

Wie schaut die Stiftung Brändi in zehn Jahren aus?
Unser Kernauftrag wird auch in zehn Jahren Bestand haben: wir stellen uns in den Dienst der Menschen mit Beeinträchtigung und feiern bedeutende Erfolge bei der Inklusion und Selbstbestimmung, sowie der Zufriedenheit und dem Wohlergehen unserer Klienten.

Wir werden sicherlich weiter investiert haben in die Aktualisierung von bestehenden und in den Aufbau von neuen, aussichtsreichen Angeboten. Die Stiftung Brändi, deren Leistungen und Produkte werden in 10 Jahren schweizweit noch bekannter sein. Und wir werden als frisches, fortschrittliches und mehr denn je professionelles Unternehmen breite Anerkennung geniessen.

Dazu setzen wir uns in den kommenden zwei Jahren sehr intensiv mit den Werthaltungen, der Vision, Mission, Strategie und den daraus folgenden Massnahmen auseinander. Danach werde ich in der Lage sein, diese ganz bedeutende Frage viel konkreter zu beantworten.

Wie sieht Ihre Bilanz nach den ersten sechs Monaten aus?
Wie aus meinen Antworten hervorgeht, bin ich sehr positiv gestimmt. Ich werde sehr offen und herzlich aufgenommen. Ich erlebe eine schöne Kultur, die mir passt, geniesse den Austausch mit tollen Arbeitskolleginnen und Kollegen und bin froh, dass wir die einschneidende Coronakrise bisher sehr gut gemeistert haben. Wir sind trotz der anhaltenden Krise wirtschaftlich flott unterwegs, und der Teamgeist in der Geschäftsleitung sowie die Zusammenarbeit mit dem Stiftungsrat empfinde ich als sensationell. Ich bin enorm glücklich!

Von Matthias Moser, Bild: Fotosolar

 
 

«Wie alle Menschen habe auch ich Stärken und Schwächen.»